Zwei großartige Riesenwerke der Musikliteratur

BAO 2007

Bruckner Akademie Orchester zeigt sich in Hochform

Das Zweite Klavierkonzert von Brahms und Tschaikowskis Fünfte Sinfonie an einem Abend was für eine Herausforderung! Und was für ein Glücksfall: Beide Werke gehören zu den großartigsten der Musikliteratur überhaupt. Sie tragen die Handschrift des reifen Alters, leuchten vor innerem Reichtum, stehen an epochalen Nahtstellen und sind trotz ihrer Abgeklärtheit technisch extrem schwierig zu bewerkstelligen. Die Aufführung dieser beiden romantischen Riesenwerke dauert über zweieinhalb Stunden, und wenn Dirigent und Orchester nicht absolut in Form sind und aus der Genialität dieser Musik Mittelmaß machen, kann die Zeit unerträglich lang werden. Doch die Unterhachinger wurden belohnt: Der aus Barcelona stammende Dirigent Jordi Mora hatte im vollen Kubiz eine weitgehend glückliche Hand. Er steuerte sein Schiff, das vorwiegend aus Laien bestehende Bruckner Akademie Orchester, souverän durch die acht Sätze, die sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts so eigenwillig gegen Avantgarde-Strömungen stemmten und klassisch-romantische Traditionen kurz vor ihrem Zusammenbruch noch einmal in Reinform erblühen ließen. Das Orchester und der Pianist Alexander Panizza verstanden sich vorzüglich auf die klassizistische Tonsprache in Brahms Klavierkonzert: Eine Dynamik, die im Gravitationszentrum eines strahlenden Mezzoforte kreiste, irrlichternde Klangfiguren, perlende Oktavtrillerketten und über alledem der Glanz eines überaus schön intonierenden Hornes: In Sachen Lyrik blieben keine Wünsche offen. Vor allem das entrückte Adagio bezauberte mit seinem Dialog zwischen Cello und Klavier. Im zweiten Satz wird das Liebesgeflüster zur Klage Panizza beging im Mittelteil Gott sei Dank nicht den Fehler, das Tempo zu forcieren, paradiesisch schön tropfte vielmehr Ton für Ton, wie hinter einem Schleier flimmerten diese von Hitze durchtränkten Klänge. Nur schade, dass bisweilen der epische Schwung auf der Strecke blieb: Vor allem der Kopfsatz hätte entfesselter sein können, doch Jordi hatte einfach nicht den Mut, das strenge Taktgefüge zugunsten impressionistischer Freiheiten aufs Spiel zu setzen. Ein Manko, an dem auch Tschaikowskis Schicksalssinfonie litt: Mehr Experimentierlust mit dem Tempo hätte man sich hier vor allem gewünscht. Doch dafür arbeitete der Spanier die Instrumentengruppen extrem sauber heraus: Wunderbar, wie sich im zweiten Satz der Dialog zwischen Oboe, Horn und Klarinette entfaltet, das Liebesgeflüster zu einer Klage anschwillt und sich unversehens im Netz fein gesponnener Abhängigkeiten verfängt. Erst die glühenden Streicher werden die Seligkeit wieder zurückerobern.

Von Rafael Sala