Elementares Hörerlebnis

Unterhaching – Hin und wieder gibt es sie doch: die elementaren Hörerlebnisse im Landkreis. Diesmal war das Unterhachinger Kubiz der Ort für Interpretationen, deren menschliche Direktheit und musikalische Tiefe berührte, ja fesselte. Auf dem trauergeränderten Programm: Johannes Brahms` „Deutsches Requiem“ mit dem alle Jahre wieder in der Gemeinde gastierenden Münchner Bruckner Akademie Orchester als Interpreten und dem debütierenden Mozart Vokalensemble und der Andechser Chorgemeinschaft als Newcomer.
Nach der Pause dann noch die viel zu selten aufgeführte „Trauermusik für Bratsche und Streichorchester“ von Paul Hindemith. Beide Werke werden, obwohl in Form und Musiksprache himmelweit voneinander getrennt, von einer Sehnsucht bestimmt, die den Tod letztendlich als einzige Lösung oder Auflösung inneren Leidens anstrebt.
Doch zum Finale hin triumphieren beidemale doch die christlichen Grundpfeiler von Glaube, Liebe und Hoffnung. „Tod, wo ist Dein Stachel“, Hölle wo ist Dein Sieg“, lässt Brahms in seinem Requiem den Chor geradezu herausfordernd triumphieren. Die Andechser Choristen unter Anton Ludwig Pfeil tragen dies mit unwiderstehlichem Impetus vor, der den Zuhörer auf sein eigenes Ich zurückwirft. Gläubigkeit im weitesten Sinn also, ohne verordnete Geistlichkeit und ohne sportive Vordergründigkeit – spirituelle Tiefe eben. Ihr fühlen sich die Musiker und zwei hervorragende Solisten, Christa Landshammer und Oliver Weidinger, gleichermaßen verbunden.
Was den Dirigenten Jordi Morda und sein Orchester im Falle von Brahms besonders auszeichnet, ist eine Flexibilität von hohen Graden. Flexibilität heißt hier selbstverständlich nicht Beliebigkeit, sondern konsequentes Eingehen auf die tiefere Substanz einer Musik. Er bringt sie zum Jordi lässt Interpreten ausmusizieren Atmen, zum Pulsieren. Piano-Flächen sind durchblutet, die Steigerungen, die im Requiem die Wandlung von Trauer in Zuversicht und in freudige Gewissheit des ewigen Lebens vollziehen, nimmt Jordi maßvoll.
Da ist ein Maestro am Werk, der sich auf der Suche nach Ausdruck nicht in Extrembereiche vor wagen muss, sondern seine Spieler episch ausmusizieren lässt und ihnen eine plastisch modellierte Deutung abverlangt. Eine Deutung, die den melodischen Zauber der Soli, die Kraft und Anmut der geschwungenen Themenbögen unterstreicht. Christa Landshamers engelhafte Soprantöne, die dem Zuhörerherzen in nebelgrauen Zeiten Trost spenden und Oliver Weidingers in der Todesfurcht satt timbrierter tragfähiger Bariton fügen sich ohne Allüren ins Gesamtkonzept.
Zum Glück löst sich die Musik Paul Hindemiths zunehmend aus den Fronten ideologischer Auseinandersetzung: wie Moderne zu sein habe. Seine „Trauermusik“ verzichtet auf die dem Komponisten nachgesagte lapidare Sachlichkeit und ergibt sich nachromantisch spröder Emphase. Das Orchester legt eine bemerkenswerte Klangsensibilität an den Tag und Mechthild Sommer, Viola, gestaltet die Soli in zartem Klageton.

Von Manfred Stanka