Kappellmeisterkunst und kultiviertes Spiel

Wie soll ein Orchester in unserer Zeit erfolgreich sein? Zumal eine Ad-Hoc-Formation, deren junge Instrumentalisten aus aller Herren Länder sich einmal im Jahr meist in München treffen, um unter der Leitung ihres „Maestro“ Jordi Mora Orchesterwerke zu erarbeiten. Das Bruckner-Akademie-Orchester hatte bei seinem traditionellen Unterhaching-Gastspiel vor viel zu wenig Zuhörern die Antwort parat: eine knisternde Energie und strotzende Vielfalt im Spiel.
Die Musiker trauen sich was mit Richard Wagners „Meistersinger-Vorspiel“. Ihr unbeirrbares Engagement gibt sich nicht mit weniger zufrieden. Also viel bronzener Glanz von der Blechbläsergruppe, die sogar ein traumhaftes Pianissimo-Spiel zu kultivieren imstande ist. Beim Jubel auf der Festwiese und dem Einzug der Handwerksgilden wird die dynamische Disziplin im Zusammenspiel auf die Probe gestellt und auch „gemeistert“. Mora setzt nicht auf manirierten Forte-Rausch, sondern auf gediegene Kapellmeisterkunst. Die Musik atmet, pulsiert, ohne sich in extravagante Aufregung zu verlieren.
Die Sinfonie Nr. 3 von Arvo Pärt ist „Kult“ im doppelten Sinne. Sie hat ihre Fans über alle Geschmacksgrenzen hinweg: Wer mit Henze, Zwölfton oder auch mit Alban Berg nichts am Hut hat, versenkt sich in Pärts magisch symphonischem Glockengeläut. Will er in den langsamen, weitflächigen Tonbildern Wagners „Parsifal“ aufgehen, sich in Jean Sibelius nordisch nebligen Wäldern verirren oder mit Sergej Prokofjew über die russische Steppe hetzen, dann liegt der Zuhörer nicht so falsch. Das Orchester trifft den formell-strukturellen Aufriss dieser mystisch wabernden Musik haargenau und stürzt nicht in esoterische Untiefen. In seiner ganzen Vielschichtigkeit leuchtet hier das nicht unproblematische Werk auf.

Klageton zieht sich als Leitmotiv durchs Werk

Bei Sergej Prokofjews fünfter Sinfonie brechen die Schleusen. Das Bruckner-Akademie-Orchester wagt unter Jordi Mora ohne alle Abstriche das Risiko – und gewinnt. Dirigent und Ensemble schöpfen die Kontraste dieser 1944 entstandenen und sich sich oft dem Grotesken, Bizzaren nähernden Sinfonie aus. Querstrebige musikalische Verflechtungen, volksmelodisch tänzerische Sequenzen, schillernde Farbkontraste und eine vom Rhythmus besessene Wildheit: All das wird herausgearbeitet und „mit Leben“ erfüllt. Ergreifend der Klageton, den die Streicher anstimmen und der sich leitmotivisch durch das Werk zieht. Immerhin musste Prokofjew ständig mit dem Auftauchen von Stalins Schergen und seinem Abtransport in den Gulag rechnen. So viel klangliche Entfesselung fasziniert noch mehr aber, dass die Spieler als Zugabe die Kraft für eine Teil-Reprise der Fünften aufbringen.

Von Manfred Stanka